Der Kaffeeröster

Wer schon immer mal gefragt hat wo heute noch traditionell Kaffee geröstet wird, der sollte mal nach Hannover-Limmer kommen. Zwischen Jugendstil und biederen Mietshäusern der 50er Jahre entdeckt man die Kaffeerösterei Ulbrich. In diesem Tante Emma Laden stehen neben Kaffee auch frisches Obst, Gemüse, Lebensmittel und Brötchen zum Verkauf.

Es duftet nach frisch geröstetem Kaffee. Vorbei an gut sortierten Regalen füllt der 84-Jährige Erhard Ulbrich zum 3. Mal an diesem Tag die erbsengrünen Kaffeebohnen in eine kniehohe Bonbondose. Hier im Nebenraum steht seine erste Kaffeeröstmachine. Ein bisschen strecken muss er sich schon, um die mit Rohkaffee gefüllte Dose oben in den Trichter der Röstmaschine zu stülpen. Bei 180° bis 190° Celsius werden die Kaffeebohnen auf schonende Art und Weise schokoladig-braun geröstet.

Ringsherum liegen dickbäuchige Jutesäcke gestapelt auf leeren Getränkekisten, randvoll mit Kaffeebohnen aus Brasilien, Kenia oder Nicaragua. Auf insgesamt 14 verschiedene Sorten hat sich Herr Ulbrich im Laufe der Jahre konzentriert. Selber war er noch nie in den Herkunftsländern, höchstens einmal im Schwarzwald in den Flitterwochen. Doch seit seine Frau vor einigen Jahren gestorben ist, vertieft er sich weiter in die Arbeit. Den Rohkaffee holt er sogar noch selbst mit seinem Lieferwagen aus Bremen oder Hamburg.

1956 hat sich Erhard Ulbrich mit der Kaffeerösterei selbstständig gemacht. In einer einfachen Gartenlaube röstete er seine ersten Kaffeebohnen, die er dann gewinnbringend in der Markthalle verkaufte. In den ganzen Jahren hat er schon mehrere Wirtschaftskrisen überlebt aber sich immer wieder aufgerappelt.

Nach etwas 15 Minuten ist es soweit, mit erfahrenem Blick kontrolliert Herr Ulbrich die Färbung der Kaffeebohnen während des Röstvorgangs. Mit einer kleinen Schaufel nimmt er eine Probe und vergleicht die Röstfärbung am Nebentisch mit den Mustern. Erst wenn die Bohnen die richtige Farbe haben, sind sie bereit zum Verkauf. Nach dem Rösten ergießen sich die Kaffeebohnen in ein Kühlsieb zum Auskühlen. Jetzt ist genug Zeit für ein kleines Frühstück mit frischem Kaffee. Zur Abwechslung darf es dann auch mal ein Brennesseltee sein, sagt er und schlurf in die Küche.

Wer glaubt, dass der Laden nur von verträumter Nostalgikern frequentiert wird, irrt. Zu den Stammkunden von Herrn Ulbrich zählen auch junge Familien. Wie lange der 84-Jährige das noch machen möchte ist klar: „Bis es nicht mehr geht“ so Ulbrich.

Im November 2011 verstarb Herr Ulbrich. Der Laden wurde aufgelöst und renoviert.


Die Fotoreportage „Der Kaffeeröster“ wurde 2011 auf dem FOODPHOTO FESTIVAL (Tarragona / Spanien) in der Kategorie FOODFEATURE 2011 nominiert. (www.foodphotofestival.org)